Appell zur Prüfungsordnung im Dialog
Liebe Kolleg*innen,
anbei / unten ein Appell zur “Prüfungsordnung im Dialog”, zu der am kommenden Freitag eine weitere Zoom-Konferenz der MKM NÖ GmbH stattfindet:
https://infonetzwerk.oberwalder.info/wp-content/uploads/2026/01/Appell-Pruefungsordnung.pdf
Außerdem ein Link zur Forums-Diskussion über den Rückblick der MKM NÖ GmbH aufs erste Vernetzungstreffen zur Prüfungsordnung und über die Schulung für landesweite Fachprüfende:
https://414971.forumromanum.com/member/forum/forum.php?action=std_tindex&USER=user_414971&threadid=1172437975
“FORUM:EXPERTISE | Prüfungsordnung im Dialog 2”
Freitag, 23. Jänner 2026, 9.00 – 10.30 Uhr, online via ZOOM
https://www.mkmnoe.at/angebote-fuer-lehrende/forumexpertise-fachgruppen-im-dialog/fachpruefungen/pruefungsordnung-im-dialog
FÄLLT UNS NICHTS BESSERES EIN?
Appell zur Prüfungsordnung im Dialog
Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!
Wir alle wünschen uns einen attraktiven Arbeitsplatz. Dazu gehören vor allem motivierte, engagierte Schüler. Doch unsere Instrumental- und Gesangsklassen sind sehr heterogen zusammengesetzt: Mit Schülern vom Kindergarten- oder Volksschulalter bis hin zu Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, mit und ohne Vorbildung, mit perfekten bis hin zu schlechten Voraussetzungen für das jeweilige Instrument, mit Eltern, die sich kürzere oder längere Unterrichtseinheiten leisten können, und die mehr oder weniger Möglichkeiten haben, ihre Kinder beim Lernen und Üben unterstützen, sie zur Musikschule zu bringen, …
Auch unsere Arbeitsbedingungen weisen große Heterogenität auf, die sich auf viele Arten zeigt: In der Größe der Musikschulen oder Verbände, in der (oft schwierigen) Erreichbarkeit der zahlreichen Standorte, in der vorhandenen oder fehlenden Instrumentenvielfalt und Ausstattung, in der Verfügbarkeit verschiedener Unterrichtsformen, von 25 bis zu 50 Minuten oder mehr, von Einzel- über Gruppenunterricht bis zum Angebot an unterschiedlichen Ensembles und anderen Ergänzungsfächern, im Vorhandensein geeigneter Auftrittsgelegenheiten, … Gleichzeitig decken Musikschulen im Vergleich zu spezialisierteren Universitäten stilistisch meist ein breites Spektrum ab.
Je starrer daher ein Prüfungssystem ist, desto weniger wird es der Realität vieler Lehrkräfte und ihrer Schüler entsprechen, sowohl in organisatorischer als auch in pädagogischer Hinsicht. Lassen sich mancherorts problemlos Ensembles für Übertrittsprüfungen und deren Voraussetzungen zusammenstellen, kann das in anderen Musikschulen zu einer unüberwindbaren Hürde werden. Mag eine Trennung in Klassik und Popularmusik für manche Schüler passen, schränkt sie viele in ihren Ausdrucksmöglichkeiten ein. Auch und gerade Prüfungen sollten bei einem so künstlerischen Schaffen wie dem Musizieren Platz für Individualität und Kreativität beinhalten – statt des Herunterspulens von Tonleitern und des Erfülles enger Prüfungskriterien. Fällt uns zum Erhöhen der Motivation wirklich nichts Besseres ein?
Der Wunsch nach Bildungsstandards ist zwar nachvollziehbar, aber insbesondere im Musikschulwesen schwierig umsetzbar, zumal es auf Schulgeldern und Freiwilligkeit beruht. Der Begriff “Schule” beinhaltet für viele Menschen reflexartig auch ein Prüfungssystem. Obwohl es so viele Möglichkeiten gäbe, Lerninhalte nachhaltig zu vermitteln und gerade in der Kunst besonders viele Optionen offen sind, scheint die unerschütterliche Antwort für die Nachvollziehbarkeit von Fortschritten in Lehrplänen und Übertrittsprüfungen zu bestehen.
Vielleicht geht es aber auch gar nicht um hehre Bildungsziele? Es gibt Musikschulen, in denen sich ein Hochschrauben der Prüfungsanforderungen bereits in sinkenden Schülerzahlen ausgewirkt hat. Die derzeitige Umstrukturierung der nö Musikschullandschaft – insbesondere die Angleichung von Tarifen bei Verbandszusammenlegungen – hat ebenfalls mancherorts zu Abmeldungen beigetragen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Prüfungsordnung demnächst zum Indikator für finanzielle Fördermittel werden wird, was bei vielen Lehrkräften und ihren Schülern zu massiven Einschränkungen und in weiterer Folge zu noch mehr Abgängen führen könnte. Wären das dann Kollateralschäden, die in Kauf genommen werden, oder ist es womöglich ein kalkuliertes Ziel der aktuellen organisations- und förderrechtlichen Neuerungen, das nö Musikschulwesen zu ‘schrumpfen’, um zu sparen und sich auf den bevorstehenden Lehrermangel ‘vorzubereiten’ – und das der Öffentlichkeit am Ende als Qualitätssicherungsmaßnahme verkaufen zu können?
Vor diesem Hintergrund sollten wir Folgendes bedenken: Wir Lehrkräfte hungern oft nach Anerkennung, spüren wir doch, gegenüber der Regelschule nur die zweite Geige zu spielen oder eine von vielen beliebigen Freizeitoptionen zu sein. Wenn wir aufgefordert werden, in einem “Dialog” mitzuarbeiten und uns Prüfungsaufgaben einfallen zu lassen, sprühen wir nur so vor Ideen und möchten unsere Qualifikation, Erfahrung und Kreativität unter Beweis stellen. Jedoch darf es – im Gegensatz zum Lehrplan – bei Übertrittsprüfungen nicht um eine Sammlung von immer noch mehr und noch genaueren Vorgaben gehen. Vielmehr müssen wir nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner und nach möglichst weit gefassten Rahmenbedingungen suchen, die uns ermöglichen, Lösungen zu finden, um jeden Schüler individuell fördern zu können.
Denn mit dem Prinzip “höher, schneller, weiter” und dem Erschweren von Prüfungsanforderungen schaufeln wir unser eigenes Grab! Wollen wir wirklich um unsere Stunden kämpfen müssen, weil nicht alle unsere Schüler ins Prüfungsprofil passen, oder weil nicht alle Eltern sie zum Ensembleunterricht oder zum Musikkundekurs bringen können? Wollen wir, dass unsere oftmals nur 25-minütigen Unterrichtseinheiten zu einem Prüfungstraining degradiert werden, oder dass wir noch mehr unbezahlte Überstunden leisten müssen, um die pure Quantität der Prüfungsprogramme zu bewältigen?
Wenn es ein Dialog ist, in den wir tatsächlich eingebunden sind: Kippen wir nicht hinein ins Brainstorming, was man noch alles prüfen und regeln könnte, sondern hinterfragen wir den Nutzen von Übertrittsprüfungen – und wenn sich die Prüfungsordnung nicht verhindern lässt: Schaffen wir realistisch umsetzbare Rahmenbedingungen und Raum für Alle! Sonst werden wir langfristig zu reinen Erfüllungsgehilfen von Vorschriften und unser eigentliches Ziel aus den Augen verlieren: Kinder und Jugendliche mit Musik in Verbindung zu bringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich über ihr Instrument oder ihre Stimme künstlerisch auszudrücken.
Mit der Bitte um Weiterleitung an die nö Musikschullehrkräfte!
Mit kollegialen Grüßen
Martina Glatz & Nadja Celoud
fürs Infonetzwerk NÖ Musikschullehrer/innen
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Infonetzwerk NÖ Musikschullehrer/innen
www.noe-musikschulinfo.net
noe-mslehrer@gmx.at
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